Spinnkreis Retschow

Projekte Färben- Mein "Blaues Wunder" - ein ganzes Jahr Färben mit Indigo

Birgit beim Spinnen

Sozusagen die Königsdisziplin reizte mich besonders. Ich wollte eine echte Indigoküpe mit Urin herstellen und erwartete schöne Blautöne. Ich schaffte Maischefässer an, Sieb, Rührstab, Indigopulver, Datteln etc. Dann begann das Sammeln des Urins - davon erzählte ich meiner Familie anfangs nichts. Zu peinlich war mir das alles. Die Aussicht auf blaue Wollpullover hat mich fleißig weitersammeln lassen. Das Ansetzen der bedurfte einiger Geduld und dann konnte es losgehen. Die ersten Kilos gesponnener Wolle färbten quasi über Nacht! Jeden Tag wieder die Neugier beim öffnen des Maischefasses und was soll ich sagen? Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen.

Von tiefem Blau bis hellem Eisblau färbte ich Kiloweise Wolle und Seide. Durch Gelbüberfärbungen kamen wunderbare Grüntöne dazu. Ebenso ergänzten nun leuchtende Lilatöne das Blaue Wunder durch Überfärbungen von zuvor mit Koschenille gefärbter Wolle/Seide. Inzwischen war auch meine Familie eingeweiht. Das ließ sich bei dem Gestank der Küpe auch nicht vermeiden - nicht umsonst besorgte ich mir eine Art Gasmaske, da mich die von der Indigoküpe aufsteigenden Dämpfe ganz duselig machten. Auch die Wolle stank anfangs fürchterlich nach PullerPinkelPipi. Ich brauchte Unmengen bestem Regenwasser und Teebaumöl, um die Wolle auszuwaschen. Es brauchte Wochen, die sie zu lüften. Das war im Sommer draußen alles kein Problem.

Aber der Herbst kam, die Temperaturen sanken und die Küpe arbeitete wesentlich langsamer. Nun brauchte die Wolle 2-3 Wochen, um eine schöne Farbe anzunehmen. Das blaue Maischefass zog deshalb ins Gewächshaus um. Dort waren die Temperaturen auch bei wechselndem Herbstwetter angenehm. Zwischenzeitlich konnte ich die müde Küpe mit Datteln wieder in Schwung bringen. Sozusagen eine wirksame Verjüngungskur die mir durch den in Datteln enthaltenen Zucker weitere Blaunuancen lieferte. Dann kam der Winter. Mein Indigo war aber zu schade, um ihn wegzuwerfen, wo er doch noch so schön im Gewächshaus arbeitete... Frost durfte er nicht abbekommen. Also schmuggelte ich ihn heimlich in seinem blauen Maischefass ins Haus in mein Atelier. Dort lüftete ich jedes Mal wie ein Weltmeister, wenn ich wieder den Deckel des Maischfasses lüften musste, um Wolle und Flüssigkeit (Urin) miteinander zu vermischen. Irgendwann kam mir meine Familie doch auf die Sprünge - zum Glück konnte ich sie überzeugen, mich und mein Färbefass nicht hochkant rauszuwerfen. Puh. Dafür waren meine Weihnachtsgeschenke klar: kiloweise schönste blaue Wolle im Austausch für die Duldung des Stinke-Indigos im Haus. Alles in allem habe ich noch bis zum folgenden Herbst mit dem "Blaumachen" fortfahren können. Ich konnte also über ein Jahr Blau färben und besitze nun Unmengen an blauer Wolle, die darauf wartet, von mir versponnen zu werden. Katrin 

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